"Kohei Saito ist ein Superstar der Philosophie und Professor für Philosophie an der renommierten Universität von Tokio. Er hat in Berlin Hegel und Marx gewälzt und seine Doktorarbeit geschrieben. Deutsche Philosophie hat in Japan immer noch einen sehr guten RufSeines neuesten Buches vorgestellt. „Apokalypse im Anthropozän“ wurde im April 2026 auf Japanisch veröffentlicht und war sofort ein Kassenschlager.
Unter dem Titel „Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“ ist das Buch jetzt – nur wenige Monate später – auf Deutsch erschienen, demnächst folgen die englische, französische und italienische Ausgabe. Von seinem Vorgängerbuch „Kapital im Anthropozän“, 2020 auf Japanisch und 2023 unter dem Titel „Systemsturz“ auf Deutsch veröffentlicht, wurden allein in Japan über eine halbe Million Exemplare verkauft, dazu kamen über 15 Übersetzungen.
Für das Wiener Publikum hat Saito eine überraschende Botschaft mitgebracht. „Es ist zu spät, den Planeten zu retten“, sagt er. „Die Zukunft wird schlimmer.“ Das klang vor sechs Jahren in „Systemsturz“ noch ganz anders. Damals plädierte Saito für einen Klima-Kommunismus, der die Idee des Postwachstums verwirklichen sollte. Frei nach dem Motto: Weniger ist mehr, um den Stoffwechsel zwischen Menschheit und Natur wieder in ruhigere Fahrwasser zu führen. Doch die Corona-Krise, die vielen Kriege und die Wirtschaftskrise haben Saito umdenken lassen.
Heute spricht er von einem irreparablen Riss im Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Die Formulierung hat Saito beim späten Marx gefunden, der sich weit mehr für ökologische Fragen interessiert hat als gemeinhin bekannt. Saito hat die ökologischen Exzerpte und Schriften von Marx ediert und mit „Natur gegen Kapital“ einen viel beachteten Kommentar zum sogenannten ökologischen Marx verfasst, mit dem er auch die Klimabewegung in ihrer Sackgasse zwischen moralisierender Konsumkritik und blindem Aktionismus erreichen wollte.
Noch überraschender ist, was Saito heute als Lösung vorschlägt: einen „dunklen Sozialismus“. Es ist eine Antwort auf die „dunkle Aufklärung“, wie sie von Denkern wie dem Briten Nick Land oder dem Amerikaner Curtis Yarvin propagiert wird und inzwischen mit Elon Musk oder Peter Thiel prominente Anhänger unter den Big-Tech-Milliardären hat. „Die ‚dunkle Aufklärung‘ versteht genau, was heute passiert“, sagt Saito. Die Moderne sei am Ende. Das Dunkle sei das Reale. Und der Postliberalismus sei das Authentische, das die Verlogenheit des Liberalismus – auch in der Spielart eines „progressiven Neoliberalismus“ – entlarvt.
Er zitiert Alexander Karp mit seinem Manifest „The Technological Republic“ . Der Chef des umstrittenen Software-Konzerns Palantir liege völlig richtig damit, dass der heutige Kapitalismus im Westen nur Konsumspielereien wie Social Media, aber keine wirklichen Innovationen mehr hervorbringe, so Saito. Anders als Karp hält er „Patriotic Tech“ jedoch nicht für den Ausweg aus dieser Sackgasse, sondern plädiert für eine andere Überlebensstrategie.
Und anders als viele Linke hält Saito auch die oft beschworene Gefahr eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs nicht für ein rechtes Narrativ, sondern für eine realistische Beschreibung des kommenden Unheils. „Was wir gerade erleben, ist nur der Vorgeschmack darauf, was uns noch erwartet“, sagt Saito. Es breche eine Epoche der „permanenten Mangelwirtschaft“ an, mit brutalen Verteilungskämpfen. Es klingt fast wie in den Filmen von „Mad Max“: eine verwüstete Welt, in der abgeschottete und hochgerüstete Enklaven um wenige Ressourcen kämpfen, während drumherum die Barbarei der Bandenherrschaft tobt. Eine Wirklichkeit, die nur noch eine ideologische Parole kennt: Für alle reicht es nicht.
Für den Gegenentwurf – alle oder keiner – will Saito ein Minimalprogramm entwerfen. Es gehe längst nicht mehr um Sozialismus oder Barbarei, sondern um Sozialismus in der Barbarei. Nicht mehr um Emanzipation, sondern ums Überleben. Um das Aufhalten der apokalyptischen Reiter Seuche, Krieg, Hunger und Tod. Entdeckt nun auch die Linke die politische Theologie des Katechon?"
bron; https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus6a337a37a7834e0047eeda7d/philosoph-kohei-saito-was-wir-gerade-erleben-ist-nur-der-vorgeschmack-darauf-was-uns-noch-erwartet.html?source=puerto-reco-2_ABC-V50.5.B_schlagzeilen
zie ook: https://www.youtube.com/watch?v=jYAN6wliLxw

