Waldbaden mit Ironie
Warum im Arzberger Wald Startblöcke aus Beton stehen
Christl Schemm • 07.03.2026 -Frankenpost
Die „Gruppe 318“ nähert sich dem Trend des Waldbadens von der ironischen Seite. Sogar das Nacktbaden ist in Arzberg ausdrücklich erwünscht. Was und wer stecken dahinter?
Thema des Pseudo-Mahnmals ist das Waldbaden, der Gesundheits- und Wellnesstrend, der sich seit den 1980er-Jahren aus der japanischen Therapieform Shinrin-Yoku entwickelt und international verbreitet hat. Viele Menschen ziehen aus dieser Heilmethode, für die sogar Kurse angeboten werden, Energie und Erholung.
Raus aus dem Stress der Stadt
Ein Blatt aufheben und betrachten, den Waldboden berühren, Bäume umarmen: Menschen, die auf der Suche nach Ruhe und „urbanem Detox“ sind, nennen das heutzutage eben Waldbaden. Zentrale Gedanken dabei: das bewusste Erleben des Waldes, das Aufsaugen und achtsame Wahrnehmen der Waldatmosphäre – eine Übung also zum Abschalten und Entschleunigen.

Ein Besuch im Wald hat zweifelsohne eine entspannende, Stress reduzierende und positive Auswirkung auf Stimmung, Bluthochdruck, Herz- und Lungenfunktion, Immunsystem und psychische Parameter wie Angst und Depressionen. Das ist wissenschaftlich erwiesen.
„Ein Gewinn in Zeiten der Selbstoptimierung“
Bodenständige Menschen, für die der Aufenthalt in Wald und Flur eine Selbstverständlichkeit ist, wissen das. Aber sie sagen einfach: „Ich gehe in den Wald.“ Mit dem Modetrend Waldbaden können sie wenig bis nichts anfangen. Für Roland Blumenthaler, seines Zeichens Förster und somit stark mit dem Wald verbunden, ist das Waldbaden ein Trend, auf den er gut und gerne verzichten kann. Er meint: „Sich zweckfrei im Wald aufzuhalten, ist ein Gewinn in Zeiten der Selbstoptimierung.
Die Idee, ein Waldbaden-„Denkmal“ aufzustellen, geht auf die Kappe der sogenannten „Gruppe 318“. Zu ihr gehören neben Roland Blumenthaler der Architekt Gerhard Plaß, der Journalist Dominik von Glass, der beim Bayerischen Fernsehen in der Redaktion für die Sendung „Quer“ arbeitet, und Scherdel-Geschäftsführer Max von Waldenfels. Vier Männer also, die „im richtigen Leben“ als seriöse Menschen bekannt sind. Sie sind seit vielen Jahren befreundet, reden viel miteinander und treffen sich ab und an zum Schafkopfen.

Doch hin und wieder sitzt ihnen der Schalk im Nacken. Dann kommen sie auf so bizarre Ideen, wie zum Beispiel ein Waldbaden-„Denkmal“ in die Landschaft zu stellen. Und da stehen sie nun am Rand des Kohlbergwaldes, der Max von Waldenfels gehört, und lassen manchen Spaziergänger ratlos zurück: drei Startblöcke aus Beton, eigens herbeigeschafft aus einem Schwimmbad in Hamburg.
Froh schätzt sich, wer einen Waldmeister hat
An Bäumen in nächster Nähe hängen Schilder, die – wie in einem Schwimmbad – darauf hinweisen, was verboten ist und erwartet wird: „Nicht vom Waldrand springen“, „Den Anweisungen des Waldmeisters ist Folge zu leisten“, „Nacktbaden erwünscht“. Die Schilder sind in luftiger Höhe angebracht, um zu verhindern, dass sie abgerissen werden. Und: Sie dokumentieren augenzwinkernd, wie „ernst“ das Waldbaden-„Denkmal“ gemeint ist.
Weitere ironische Denkmäler
Gestaltet hat die Schilder Clara Sauerbrey. Sie ist die Tochter von Wolfgang Sauerbrey, dem bereits verstorbenen Mitbegründer der „Gruppe 318“, dessen Vermächtnis seine kunstinteressierten Freunde weitertragen wollen. Auf die Sauerbreys in Braunersgrün geht auch der Name der Gruppe zurück. Denn die 318 ist die Telefonnummer der Familie. Wolfgang Sauerbrey hatte laut Blumenthaler die Idee für die ironischen Denkmäler, von denen es mittlerweile sechs an der Zahl gibt. Unter anderem das „Nussgackl-Denkmal“ am Weidenhof, das an die Arbeit des Eichelhähers beim Waldumbau erinnern, und das „Häit-Denkmal“ im Wald bei Braunersgrün, das den Konjunktiv „hätte“ dokumentieren soll.
Für ihre Denkmäler hat die Gruppe drei Maximen aufgestellt: Ein Denkmal muss schwer und zweckfrei sein sowie einen künstlerischen Anspruch haben – was natürlich wiederum nicht zu wörtlich genommen werden sollte.

Die Einweihung des Waldbaden-„Denkmals“ war ein zünftiges Fest bei schönstem Frühlingswetter mit rund 80 Gästen, launigen Reden, Gesang und Musik. Unter anderem sprachen Gerhard Plaß, Guido Schemm vom Arzberger Schwimmbadförderverein, die Künstlerin Eva Konz und der frühere Vorsitzende des Kunst- und Kulturvereins Tröstau, Wolfgang Hermann. Max von Waldenfels sang zu Musik aus der Konserve „Wochenend’ und Sonnenschein“, und Matthias Nettmann spielte Alphorn sowie Steirische Harmonik.
Ganz der heiter-lebensfrohen Atmosphäre und dem vergnüglichen „Denkmal“-Gedanken geschuldet, wurden die Reden nicht über ein Mikrofon und eine Verstärkeranlage übertragen. Als „Technik“ diente ein Drahtgestell mit zwei aufmontierten Tannenzapfen. Und selbstverständlich waren die Denkmal-Spaßvögel angemessen gekleidet: mit Bademänteln nämlich. Roland Blumenthaler schmauchte dazu eine dicke Zigarre – eine Reminiszenz an seinen Großvater. „Er war ein leidenschaftlicher Waldgänger und Zigarrenraucher. Gemütlich unter einem Baum sitzen und Nikotin gehörten für ihn dazu“, sagt Blumenthaler.
So geht Entspannung im Wald also auch – womöglich sogar als eine frühe Form des Waldbadens. Bloß hat das damals keiner gewusst.

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